Jahrzehnte hat es nun gedauert. Jetzt endlich fühle ich mich doch ein Stück leichter. Ich habe nach so vielen Jahren dem Täter die Schuld zurück gegeben, die ich über all die Jahrzehnte getragen habe und die so viel in mir und mit mir angerichtet hat. Doch tatsächlich fühle ich mich heute erleichtert, wobei mich die Taten und auch die Auswirkungen dennoch den Rest meines Lebens begleiten werden. Aber, und das ist der entscheidende Punkt, ich kann heute sagen, dass ich zu keinem Zeitpunkt auch nur einen kleinen Funken Verantwortung gehabt habe und auch keine Schuld hatte. Ich hätte weder den Täter noch seine Angehörigen schützen müssen. Den Täter schütze ich heute auch nicht mehr. Und vielleicht werde ich auch die Angehörigen eines Tages einweihen.

Es geht um sexuelle Nötigung oder wie ich finde Missbrauch. Ich war minderjährig und in einer extrem schwierigen familiären Situation. Meine Eltern stritten sich ständig, meine Mutter fand nur selten ein nettes Wort für mich. Meist bekam ich ihre Wut und ihren Frust auf ihr Leben zu spüren.

Ein Beispiel gefällig? Meine Mutter hatte Geburtstag und ich hatte von meinem Taschengeld eine Blumenvase gekauft und einen sehr schönen Blumenstrauß aus Feldblumen gepflückt. Ihr hatte diese Vase offensichtlich auch gefallen. Doch kurze Zeit später lag sie zerbrochen am Boden. Was nun folgte? Meine Mutter behauptete, ich hätte sie kaputt gemacht, um sie zu ärgern. Was sie an der Sache vergaß: auch mein Bruder und meine Schwester waren daheim und somit potentielle Täter. Doch meine Mutter dachte nicht eine Sekunde daran, dass meine Geschwister das gewesen sein könnten. Und obwohl ich selbst wohl die stärkste Enttäuschung über das kaputte Geburtstagsgeschenk verspürte, wütend und enttäuscht über die Schuldvorwürfe war, machte ich mich auf den Weg um Ersatz zu kaufen – von meinem letzten Ersparten. Freudig wurde dieser Geburtstag für mich nicht mehr…

An Schläge kann ich mich nicht erinnern. Aber daran, dass ich immer wieder mit Liebesentzug bestraft wurde. Wenn meine Mutter enttäuscht war, sprach sie einfach nicht mehr mit mir. Sie behandelte mich wie Luft. Meine Geschwister durften auch nicht mit mir sprechen. Mein Vater war in meiner Kindheit und Jugend leider nur selten präsent.

Ein Arbeitskollege und seine Frau hatten sich mit meinen Eltern angefreundet. Man besuchte sich gegenseitig auch mit den Kindern. Für meinen älteren Bruder und mich war das oft langweilig, weil deren Kinder jünger waren als wir. Mein Bruder hatte dann auch bald das Glück, nicht mehr mitzumüssen. Ich jedoch nicht. Meine Eltern und das befreundete Paar spielten viel Karten miteinander. Und auch beim Kartenspiel war sicher oft zu merken, dass die Beziehung meiner Eltern untereinander stark angespannt war. Der Kollege meines Vaters hat damals durchaus mitbekommen, dass meine Mutter so vieles an mir ausließ.

Wir verbrachten schließlich einen Sommerurlaub gemeinsam mit der befreundeten Familie in Dänemark. Mein Bruder hatte das große Glück, dass er zu Hause bleiben durfte. Ich jedoch musste mit. In meinen Erinnerungen gab es in diesem Urlaub vor allem eines: Stress, Streit und Tränen. So auch auf einem Tagesausflug nach Schweden. Meine Eltern stritten sich die ganze Zeit über auf der Fähre. Kaum schwedischen Boden betreten, eskalierte der Streit. Meine Mutter schlug meinen Vater und beide rannten daraufhin in verschiedene Richtungen davon. Meine kleine Schwester und ich blieben alleine zurück. Kein Geld, keine Sprachkenntnisse, aber ich spielte die Heldin für meine kleine Schwester. Ich suchte mit ihr die Familie des Arbeitskollegen – und wir hatten Glück. Sie waren nicht weit entfernt in einer Eisdiele gelandet und luden uns selbstverständlich ein. Ich konnte das alles nicht genießen, wusste ich doch nicht, was mit meinen Eltern war. Wir hatten Glück, abends fanden sich beide wieder im Hafen ein. Damals gab es noch keine Handys, das sollte ich vielleicht noch anmerken.

Kurze Zeit später bekam ich erneut die volle Wut meiner Mutter zu spüren. Für das Ferienhaus gab es nur zwei Schlüssel. Unsere Familie hatte den zur Hintertür. Wir verbrachten einen Tag am Strand und meine Mutter hatte mich ins Haus geschickt, Getränke zu holen. Als wir am Abend einpackten, war unser Schlüssel weg. Das war Anlass genug für meine Mutter, mich fertig zu machen. Ich blieb alleine am Strand zurück und suchte nach dem Schlüssel. Ich hatte sogar das kleine Sandsieb meiner Schwester, mit dem ich den ganzen Platz, an dem wir uns aufgehalten hatten, durchsuchte. Doch ich blieb erfolglos. Und so ging ich später zurück, bekam kein Essen und niemand sollte mit mir sprechen. Ich wurde ins Zimmer geschickt, was ich eigentlich mit meiner Schwester teilte. Doch diesen Abend durfte sie bei den anderen sein.

Später klopfte es an mein Fenster. Der Arbeitskollege meines Vaters stand vor der Tür. Er hätte eine Überraschung für mich, ich solle vor die Tür kommen. Und so schlich ich mich aus dem Haus. Als ich vor ihm stand, erzählte er mir, dass er gesehen hätte, wie meine Mutter mich behandelt hätte, dass ich ihm leid getan hätte und dass er deswegen für mich den Schlüssel suchen gegangen war. Und schon hielt er mir den Schlüssel entgegen. Er trug mir noch auf, nicht zu verraten, dass er den Schlüssel gefunden hätte. – Und ich hatte geglaubt, einen Freund gefunden zu haben!

Der Arbeitskollege musste eher zurück, irgendeinen Termin hatte er. Die Familien beschlossen, mich mit nach Hause zu schicken. Und ich freute mich darüber sehr, hatte ich doch schon gar nicht mitfahren wollen und bis dahin eher einen Horrorurlaub erlebt.

Gesagt, getan. Wir begaben uns auf die Heimreise, das Auto voll mit Gepäck, weil meine Eltern ja mit drei Erwachsenen und drei KInder zurückfahren mussten und so keinen Platz für das Gepäck hatten. Der Arbeitskollege nutzte die Fahrt, um mein Vertrauen zu gewinnen. Er versicherte mir, dass er auf meiner Seite sei, dass ich ihm vertrauen könne, dass er mein Freund sein wolle – und fuhr auf einen Parkplatz an einem See. Wir liefen durch ein kurzes Waldstück, wo wir ganz alleine waren. Dann nahm er mich in den Arm, sagte mir, dass ich mir nichts dabei denken solle und gab mir einen Zungenkuss. Meine Brüste, sie waren noch gar nicht richtig ausgebildet, befummelte er ebenfalls. Wenn ich dieses Bild vor Augen habe, so spüre ich noch heute, wie schlecht mir in diesem Augenblick war.

Der Anfang war gemacht. Von da an hatte der Mann leichtes Spiel mit mir. Und ich? Ich fühlte mich schuldig, dachte, dass ich mich falsch verhalten hätte, war irgendwie auch verliebt, wusste aber, dass es völlig falsch war, freute mich zugleich, dass endlich mal jemand für mich dagewesen war. Mir jemand zuhörte, mich ernst zu nehmen schien. Dass dieser Mann eigentlich nur sexuelles Vergnügen suchte, das wusste ich nicht. Und dass diese Geschichte mein Leben nachhaltig prägen würde, leider auch nicht…

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