Ich weiß nicht mehr genau – es ist ja auch Jahrzehnte her – was den Arbeitskollege meines Vaters beruflich nach Hause beordert hatte, jedenfalls hatte er auffallend viel Zeit, nachdem wir wieder daheim gewesen waren. Gleich am nächsten Tag holte er mich unter einem Vorwand zu sich ab. Den Vorwand benötigte er ja auch nur, weil mein älterer Bruder eine Erklärung haben wollte.

Als wir bei dem Mann Zuhause waren, war er immerhin so klug, mich nicht mit ins eheliche Schlafzimmer zu nehmen. Aber er holte allerlei Dinge zusammen, um auf dem Boden im Wohnzimmer ein bequemes Lager zu errichten. Fast hätte man sagen können, es war romantisch, wäre er in meinem Alter oder maximal ein, zwei Jahre älter gewesen. Aber er war Mitte 30, Familienvater, Freund meines Vaters, bei Volkswagen gut auf Karrierekurs. Was dort passierte: er gab mir Anweisungen, was ich tun sollte. Dazu gehörte, dass ich meine Beine über Kreuz und zusammenpressen sollte. Ich mag das folgende hier nicht weiter beschreiben. Danach fühlte ich mich noch schuldiger, dachte aber zugleich, dass ich jetzt mit diesem Mann zusammen sei – und ergab mich in dieses Schicksal. Was hätte ich auch tun können? Meine Eltern, die sich eh nicht für mich interessierten, fast tausend Kilometer von mir entfernt. Und wem soll man so etwas erzählen? Und was überhaupt? Ich war ohnehin eher ein schüchternes Kind, habe mich immer klein gemacht und versteckt, wenn es schwierig wurde. In diesen Momenten gab es einfach nichts und niemanden für mich außer dass ich mich ergab.

Da meine Eltern ja nun einmal mit dem Arbeitskollegen und der gesamten Familie befreundet waren, traf ich immer wieder auf diesen Mann. Ich konnte mich vorher noch so schlecht benehmen, meine Mutter kannte kein Pardon, ich musste mit zu Besuch. Und wenn wir bei ihnen waren, nutzte der Mann quasi jede Gelegenheit, um mich entweder anzufassen, sich anfassen zu lassen oder mich einzuschüchtern. Ob er mich bat, ihm dabei zu helfen, Getränke aus dem Keller zu holen, ich mit in den Garten, in die Küche oder das Arbeitszimmer sollte, ich glaubte zumindest, dass ich keine Chance hätte. Etwa ein Jahr verging, bis ich all meinen Mut zusammennahm. Wir waren gemeinsam Pilze sammeln gegangen und natürlich ging er mit mir Pilze suchen, nicht mit seiner Frau, nicht mit seinen Kindern. Ich sagte ihm damals, er solle mich jetzt in Ruhe lassen, ich wolle mich voll und ganz auf die Schule konzentrieren.

Mir fiel damals ein Stein vom Herzen, als ich das endlich rausgebracht hatte. Und ich hielt es auch durch. Ich hörte nicht mehr auf ihn. Und damals dachte ich, ich hätte das nun alles hinter mir. Weit gefehlt. Dieses einschneidende Erlebnis hat mich mein Leben lang begleitet, so sehr ich es auch vergessen wollte und verdrängt habe.

Leider dauerte es auch nicht allzu lange, da passierte es mir ein zweites Mal, dass sich jemand an mir vergriff. Auch wieder ein Mann, dem ich zu vertrauen begann, der sich für mich und mein Schicksal interessiert hatte. Ein Lehrer an meiner Schule… Dieses Mal war ich aber älter. Und dieses Mal habe ich mich schneller aus der Situation lösen können. Obwohl es mir wehtat, weil dieser Lehrer eine sehr wichtige Vertrauensperson für mich gewesen war…

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