Entsetzen, Wut, Trauer, Ohnmacht, Mitgefühl, Angst, Trotz – ein totales Wirrwarr an Gefühlen ergriff mich am Freitagabend, nachdem ich von den Anschlägen in Paris gehört hatte. Wie sicher die meisten von uns habe ich versucht, mehr Informationen zu erhalten, wollte erst einmal wissen, was überhaupt passiert ist, mich von vorschnellen Bewertungen fern halten.

Nun ist ein Wochenende vergangen. Es gibt mit Sicherheit immer noch eine Menge Fehlinformationen und doch klärt sich das Bild – und die Erkenntnis, dass der genaue Tathergang und vieles mehr für mich völlig irrelevant sind. Fakt ist doch: Es sind Menschen verletzt und getötet worden. Und zwar von Menschen, von Terroristen, von Mördern! Von Mördern, die kein persönliches Motiv für diese Gewalttaten hatten, von Mördern, die in keinem Verhältnis zu den Opfern standen. Dass einige dieser Mörder sich selbst ebenfalls getötet haben, macht die Sache nicht besser. Auch wenn sie sich zu Lebenszeiten mit einer solchen Tat direkt in den Himmel befördern wollten, nüchtern betrachtet sind das radikalisierte Menschen gewesen, die blindlings – nein nicht einer Religion sondern – Hasspredigern gefolgt sind. Und nun sind auch diese Menschen tot, einfach nur tot. Und Terror ist einfach nur Terror!

Obwohl ich mit christlicher Erziehung aufgewachsen bin, als Kind nicht nur meine Abendgebete gesprochen habe, habe ich mit Religion nicht (mehr) viel am Hut. Ich glaube nicht an eine höhere Bestimmung, nicht an Gott, nicht an Schicksal. Ich glaube allerdings an das Hier und Jetzt, an das Leben und daran, dass ich hier ein schönes Leben haben kann, wenn ich es mir entsprechend gestalte. Dabei bin ich mir auch im klaren, dass ich privilegiert bin. Ich bin in einem friedlichen Land aufgewachsen. Der letzte Krieg ist 70 Jahre her. In unserem Land lauern die größten Gefahren vielleicht im Leben selbst.

Ich muss aber nicht hungern oder dursten. Ich muss nicht frieren, habe für alles und jedes tolle Hilfsmittel – sei es für längere Strecken das Auto, den öffentlichen Personenverkehr, das Fahrrad, das Motorrad oder zur Bildung und Kommunikation das Internet per Computer, Tablet oder Smartphone. Sauberes Trinkwasser kommt aus der Leitung. Feuer, sofern ich überhaupt welches haben will, also zum Kerzen anzünden oder dergleichen, habe ich ein Feuerzeug zur Verfügung. Im Vergleich zu Menschen in anderen Ländern habe ich es wirklich unglaublich luxuriös. Wir haben hier eine tolle medizinische Versorgung und sind krankenversichert. Unsere Kinder wachsen behütet auf, können ohne Schulgeld Bildung genießen. Wir haben Supermärkte, die einen Überfluss an auch überflüssigen Dingen für uns bereit halten.

Natürlich hat in unserem Land jeder auch Einschränkungen. Wir haben zwar eine freie Berufswahl, jedoch können wir diese nicht immer wirklich ausüben. Wir wachsen auch mit völlig unterschiedlichen Chancen auf. Der eine in einem Haushalt, der von Hartz4 lebt, der andere in einem wohlhabenden Elternhaus, in dem er sich frei entfalten kann. Und doch können wir aus diesen unterschiedlichen Voraussetzungen heraus eine Menge wählen. Wir können entscheiden, wie wir mit den uns mitgegebenen Dingen umgehen. Ob wir uns mit Dingen zufrieden geben oder wir mehr erreichen wollen. Wir können uns das ganze Leben lang weiterbilden, können uns aus einem ungeliebten Beruf verabschieden, etwas Neues anfangen. Wir können, sofern wir es wollen, ständig unseren Horizont erweitern.

Über das Denken habe ich schon im jugendlichen Alter für mich die Erkenntnis gewonnen, dass Religion eine Art Leitfaden für Menschen ist, mit denen Menschen gelenkt werden. Religion hat viel auch mit Macht und Machtsicherung zu tun. Und je stärker Religion zur Abgrenzung zu anderen genutzt wird, desto zerstörerischer ist ihre Wirkung. Und zwar nach außen, oft aber eben auch nach innen. Religionen setzen Grenzen und fordern ein bestimmtes Verhalten. Sie geben sicher manchem Menschen damit Sicherheit, jedoch schränken sie eben auch ein. Ich muss weniger denken und weniger selbst entscheiden, dafür mehr (Regeln) lernen und weniger verantworten, wenn ich mich einer Religion anschließe. Denn ich kann meine Verantwortung für mein Handeln und Nichtstun mit der Religion rechtfertigen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen gerne Dinge automatisieren, nicht dauernd über alles und jedes neu entscheiden wollen. Der Abwägungsprozess dauert, wir würden gelähmt, hätten wir keine Regeln, keine Normen, keine Automatisierung von Handlungsmustern. Wer Autofahren lernt, muss bewusst blinken, in den Spiegel schauen, kuppeln, bremsen etc.. Nach einer gewissen Fahrpraxis jedoch machen wir diese ganzen Dinge quasi automatisch. Wir denken nicht mehr darüber nach. Wir denken auch nicht mehr darüber nach, ob das runde Schild mit der Zahl in der Mitte eine bestimmte Bedeutung hat, wir halten uns (meist) an das Tempolimit und wissen in jedem Fall, dass wir dort nicht schneller fahren dürfen.

Wir verinnerlichen also Handlungsabläufe und sie erleichtern unser Dasein. Wir halten uns an Regeln, weil sie uns helfen. Oder wir legen diese Regeln für uns aus, wenn wir auf der falschen Seite auf dem Fahrradweg fahren, weil der Weg kürzer ist. Wir verweigern die Hand beim Guten-Tag-Sagen, wenn eine Grippewelle heranrollt, wissen aber, dass es eigentlich unhöflich ist. Viele Regeln erleichtern also nicht nur unser eigenes Leben sondern und vor allem das Zusammenleben mit anderen Menschen. Somit aber auch wieder unser Leben, weil Regeln Konflikte vermeiden – sofern sich alle daran halten bzw. alle nach den gleichen Regeln handeln.

Das aber ist im Kleinen viel einfacher als im Großen. Innerhalb der Familie leichter als innerhalb des Mehrfamilienhauses. Innerhalb der Stadt leichter als innerhalb des ganzen Landes. Innerhalb eines Staates leichter als innerhalb einer Staatenunion. Außerhalb einer Staatenunion oder Bündnisse funktionieren unsere Regeln nicht mehr. Wir müssen erst Regeln mit anderen Staaten, Bündnissen etc. verbindlich vereinbaren.

Nicht anders sieht das mit Religionen aus. Selbst innerhalb einer Religion kommt es zu Konflikten. Beim Aufeinandertreffen verschiedener Religionen gibt es nicht nur Verständnisprobleme. Bin ich von einer Religion überzeugt, so kann die andere ja kaum richtig sein, denn sie ist ja anders. Hat der andere also unrecht. Nur: der andere ist von seiner Religion genauso überzeugt, handelt nach ihr. Und nun?

Je dogmatischer Religionen und deren Interpreten und/oder Führer sind, desto schwieriger wird ein friedliches Miteinander.

Diese Erklärung reicht natürlich nicht aus, um die Terrorakte von Paris nachvollziehen zu können. Hier spielen natürlich noch ganz andere Dinge eine Rolle – nicht zuletzt knallharte wirtschaftliche Interessen, Neid, Rache, Unzufriedenheit, Gier, Gefallsucht, Machthunger oder Rechthaberei. Also völlig menschliche Eigenschaften, die wir unter anderem mit der jeweiligen Religion zu bändigen versuchen, in ihrer heftigen Ausprägung.

Wer keinem Glauben anhängt, nicht an (einen) Gott glaubt, kann sich nun nicht mehr hinter angeblich religiösen Zielen verstecken. Andere Menschen wie früher die Kreuzritter und heute die IS-Kämpfer merken wegen ihres (fanatischen) Glaubens meist nicht einmal, dass sie lediglich instrumentalisiert werden und dass sie mit ihrem blinden Handeln dem vermeintlichen Paradies nicht einen Zentimeter näher gekommen sind sondern lediglich Angst und Schrecken verbreiten und dadurch auch ihren Angehörigen keinen Gefallen tun. Denn Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Dem Entsetzen und der Trauer folgen Wut und Vergeltungswunsch. Schon hören wir Stimmen von Menschen, die zur Vergeltung aufrufen, von Kampf ist die Rede, von Krieg. Menschen, die mit den Terrorakten nichts zu tun haben, werden darunter leiden, weil sie einer Religion angehören, in deren angeblichen Namen gemordet wurde. Dabei sind sie genau vor dem Leid und der Unterdrückung geflohen, die von fanatischen oder fundamentalistischen Glaubenskriegern ausgehen.

Mag sein, dass unter den Flüchtlingen sich auch radikalisierte Islamisten befinden, ausschließen können wir das nicht. Die Konsequenz darf aber nun nicht sein, den Flüchtlingen nicht mehr zu helfen. Vielmehr müssen wir zum einen dafür sorgen, dass hier alle registriert werden – zu ihrem und zu unserem Schutz –, zum anderen ein Einwanderungsgesetz und somit legale Möglichkeiten schaffen sowie ganz wichtig: die Ursachen für Flucht beseitigen. Doch gerade der letzte Punkt ist unbequem für uns und natürlich sehr komplex!

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