Oh weh, im Lieblingsessen der Fastfood-Generation ist Fleisch gefunden worden – und zwar Fleisch vom Pferd. Zuerst im europäischen Ausland, nun auch in Deutschland, doch von Anfang an war das Geschrei groß. Ganz schnell war die Rede vom Pferdefleisch-Skandal.

Doch was daran ist ein Pferdefleisch-Skandal? Das einzige, was verwerflich ist, ist dass das Fleisch falsch deklariert war. Das heißt, das Pferdefleisch wurde als Rindfleisch deklariert. Das ist nicht in Ordnung, denn das ist eine Täuschung der Verbraucher. Aber weswegen machen die Medien daraus gleich einen Skandal, darüber hinaus noch einen Pferdefleisch-Skandal?

Sehen wir uns einmal die Bedeutung des Wortes Skandal an: Ein Skandal ist ein Geschehen der Aufregung, der Empörung. Es bedeutet aber auch Lärm und Radau. Was also genau in diesem angeblichen Skandal rechtfertigt diesen Begriff? Pferdefleisch ist kein minderwertiges Fleisch. Es ist in der Regel sogar teurer als Rindfleisch. Warum also ist es ein Skandal, wenn jemand eine bessere Ware erhält als versprochen? Pferdefleisch gilt gemeinhin zudem als gesünder.

Wenn hier überhaupt von Skandal gesprochen werden darf, dann ist es der Skandal, dass die Medien Radau und Lärm machen, allein mit dem Ziel, Leser zu erhaschen. Ganz offensichtlich sind die meisten Medien der Meinung, dass eine sachliche Berichterstattung beim Leser nicht ankommt.

Zeitungen, Online-Nachrichten-Portale, Radio- und Fernsehsender hauen gerne mit der Keule zu, damit es ja auch etwas zu berichten gibt. So wird aus einer falschen Deklaration mit einem höherwertigen Produkt gleich ein Skandal. Unter solcher Berichterstattung gehen die eigentlichen Skandale längst unter und verloren. Oder wo ist der Aufschrei der meinungsmachenden Presse, dass häufig dem Orangensaft tierische Bestandteile beigemischt werden? Oder ist es nicht einen Skandal, also Medien-Aufschrei, wert, dass Lebensmitteln Dinge zugesetzt werden dürfen, ohne dass diese überhaupt deklariert werden müssen? Warum ist es der Nahrungsmittelindustrie erlaubt, Zucker in seinen unterschiedlichen Varianten als unterschiedliche Zutaten aufzuführen?

Warum skandalieren die Presse-Vertreter nicht, dass unser Billigfleisch die Kleinbauern in den Schwellenländern bedroht? Warum nicht, dass das Gift, das über den Bananen-Plantagen versprüht wird, die Landarbeiter krank macht und deren Erbgut schädigt?

Aber es ist ein Aufschrei wert, dass eine Britin schwanger ist. Es wird zur wichtigen Meldung gemacht, dass irgendjemand, meist ein Z-Prominenter, Würmer im Dschungel essen „musste“.

Ja, wir Menschen sind Tratschtanten. Nichts ist schöner, als sich das Maul über dieses oder jenes zu zerreißen. Wir lieben es, über unsere Mitschüler, Kollegen, Nachbarn, Familienangehörige herzuziehen. Und so ist es umso schöner, wenn wir solche Dinge extra heiß gekocht von der Journaille serviert bekommen. So müssen wir uns nicht einmal mehr anstrengen, ein Thema zu finden, über das wir mit anderen reden können. Auch das Wetter muss nicht mehr herhalten.

Schade nur, dass es kaum noch ein Blatt, ein Portal oder einen Sender gibt, die nicht bei solchen Dingen mitmischen oder sie sogar erst puschen. Es muss immer schön reißerisch sein. Superlative sind gefragt – auch dann, wenn sie noch so unsinnig sind. Da wird aus einem größten anzunehmenden Unfall (GAU) ein Super-GAU, aber wir regen uns auf, wenn einer von dem Einzigsten spricht. Dabei handelt es sich um Pleonasmus oder eben Superlativismus.

Das könnte als Stilmittel eingesetzt hier und dort pointieren. Doch wir bekommen solche Superlative um die Ohren gehauen, bis die Schwarte kracht. Dumm nur, wenn auf den Super-GAU (Tschernobyl) ein weiterer folgt (Fukushima), der vielleicht noch weitreichendere Folgen hat. Wie nennt man einen GAU, der das bisherige in den Schatten stellt?

Ich würde mich freuen, wenn wir zurück auf den Boden der Tatsachen kämen und die Dinge neu bewerteten. Dann hätte ich heute vielleicht lesen und hören können, dass Fertigprodukte falsch deklariert waren. Gesundheitlich schädlich waren die Produkte offensichtlich nicht. Jedenfalls habe ich nirgendwo eine solche Information dazu gefunden. Und wie schon erwähnt: minderwertig ist Pferdefleisch nicht – schon gar nicht besonders günstig. Natürlich ist es nicht in Ordnung, wenn Produkte falsch ausgezeichnet werden. Möglicherweise gibt es auch Allergiker, die kein Pferd vertragen. Dennoch ist der eigentliche Skandal die Berichterstattung. Und das sogar, bevor Deutschland betroffen war.

2 Kommentare zu „Von Pferdefleisch und anderen „Skandalen“

  1. Am Pferdefleisch stört mich, dass ich kein Pferd essen möchte.Einer hat mal an der Fleischtheke gesagt, „Wer Pferd ißt, ißt auch Hund“… das sehe ich genauso (gesehen aus unserer komfortablen Situation)…Hund würde ich auch nicht essen wollen (obwohl die anderen Tiere ja eigentlich genauso nett sind)… Und in Ausnahmesituationen ißt der Mensch alles. Siehe die Leningrader Blockade…im November 1941 gab es keine Hunde, Katzen und Ratten mehr in der Stadt. Es gab auch Fälle von Kannibalismus.
    Zum Glück esse ich so gut wie nie Fertigprodukte und wenn, dann eher fleischloses. Was da noch untergemischt wird, ist allerdings eher nicht nachprüfbar.
    Ansonsten kann ich nur zustimmen!
    Herzliche Grüße
    Ute

    1. Liebe Ute,
      natürlich kann ich Deine Beweggründe nachvollziehen. Aber eigentlich ist es nicht weniger verwerflich Pferd oder Hund zu essen als Rind, Schwein, Schaf, Huhn und Co.

      Für mich zeigt sich damit dennoch ein schiefes Bild. Wir haben in unserer Gesellschaft gelernt, dass Hühner, Schweine und Rinder Essen sind. Wer sich aber diese Tiere näher ansieht, wird schnell feststellen, dass diese Tiere sich ihr Schicksal nicht ausgesucht haben und gerne das eines Pferdes oder gar eines Hundes oder einer Katze, eines Wellensittichs… in Deutschland gewählt hätten.
      Beispielsweise sind Schweine sehr intelligente Tiere, die ein hervorragendes Sozialleben haben, Freundschaften bilden und am liebsten alleine aufs Klo gehen wollen – wenn man ihnen diese Möglichkeit einräumt. Für Kühe gilt: Sie bilden ebenfalls Freundschaften, lernen und sind zumeist sehr gutmütig. Manche Kuh wird auch als Reittier genutzt.
      Nur haben wir beschlossen, dass diese Tiere Essen sind. In anderen Gesellschaften gelten andere Tiere als Essen. So sind in Indien die Kühe heilig, in arabischen Ländern wird kein Schwein gegessen, manches Volk liebt Hundefleisch, andere essen Guineapigs (bei uns als Meerschweinchen bekannt). Früher galten Tauben als Delikatesse und manch ein Mensch schwört auf Ratte.
      Was wir daran sehen können: es ist nicht einmal eine wirklich ethische Frage, welches Fleisch wir essen. Manche Fleischgewohnheit lässt sich aus den hygienischen Bedingungen der einzelnen Länder ableiten, andere waren vielleicht nur Zufall. Fakt ist und bleibt: Eigentlich besteht kein Unterschied der einzelnen Tierarten. Sie wollen alle leben, nur wir haben beschlossen, sie zu unseren Gunsten auszubeuten.

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