social_washingWie viel ist ein Menschenleben wert? 1 Dollar? 5 Dollar? 1.000 Dollar? Oder gar 100.000 Dollar? Mehr? 1 Million Dollar? Oder ist es gar unbezahlbar?

Es kommt für Sie sicherlich darauf an. Würden Sie Ihr Kind für 1 Million Dollar verkaufen oder töten lassen? Sicherlich nicht. Sind Sie aber ein Versicherungskonzern, so wollen Sie gewiss den Wert eines Lebens möglichst gering ansetzen. Es gibt auch Bereiche oder Situationen, in denen das eine Menschenleben mehr zu zählen scheint als das andere. Es scheint so, dass 1.000 Flüchtlinge, die vor Lampedusa gekentert und deswegen qualvoll gestorben sind, weniger wert sind als das eine kleine Mädchen aus Deutschland, welches einem Verbrechen Opfer gefallen ist. Manchmal scheint der ältere Mensch weniger wert als das Neugeborene. Immerhin hat der alte Mensch ja sein Leben quasi schon gelebt, auch wenn er vielleicht noch 20 Jahre aktives Leben vor sich hat.

Von Menschen, die beispielsweise stark betrunken verunfallen und so zu Tode kommen, sagt manch einer: „Hat ja selbst Schuld gehabt.“ So eben auch vielleicht die Flüchtlinge vor Lampedusa – schließlich hätten sie sich ja nicht in so ein Boot setzen müssen, zumal sie ja ohnehin reine Wirtschaftsflüchtlinge zu sein scheinen. Sie suchen ihr Heil schließlich bei uns im reichen Westen.

Lassen wir einmal dahin gestellt, warum der Westen wirtschaftlich so gut da steht. Diese Flüchtlinge haben oft genug die Wahl zwischen Pest und Colera, wobei eine der beiden Krankheiten für sie größere Heilungschancen verspricht. Nämlich die Reise in einem kleinen Boot über das Mittelmeer, denn im reichen Westen finden sie vielleicht Arbeit als Tagelöhner und können sich so endlich genügend zu essen kaufen, vielleicht sogar Geld sparen und ihren Familien schicken. Im eigenen Land geblieben, wären sie aller Voraussicht nach einer Krankheit oder dem Hungertod zum Opfer gefallen, zumindest jedoch haben sie für sich nur noch solch eine Perspektive gesehen. – Und in Berlin streitet man sich derweil darum, ob sich zu den Ampelmännchen auch -weibchen gesellen müssen. Diese Probleme würde manch ein Mensch, der außerhalb des wohlhabenden Europas lebt, wohl gerne haben.

Denken wir einmal darüber nach, wieso Europa so wohlhabend ist: Da fallen uns sicher viele Gründe ein. Beispielsweise weil – insbesondere in Deutschland – die Menschen so fleißig sind und so viel arbeiten. Wir sind ein produktives Volk. Und das stimmt sogar. Allerdings könnten wir kaum so produktiv sein, kämen uns da nicht verschiedene Umstände zu Hilfe. Zum einen das gemäßigte Klima, welches uns relativ verlässlich Ernten guten Ertrages beschert. Wir leiden selten unter extremer Hitze, die unsere Produktivität beeinträchtigt. Auch der Monsum (oder der ausbleibende) setzen uns nicht zu. Selbst Naturkatastrophen gehen bei uns meist glimpflich aus – auch wenn wir recht dicht hintereinander die so genannten Jahrhunderthochwasser hatten. Zudem haben wir hochmoderne Fabriken, klimatisierte Büros, eine hervorragende Infrastruktur mit Straßen, Bahntrassen, Wasserwegen und mehr.

Das alles haben wir uns über Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte aufgebaut – und unseren Wachstum auch dem ärmeren Ausland zu verdanken. Ich erinnere an den Kolonialismus sowie an den Imperialismus. Ohne die Rohstoffe beispielsweise aus Afrika, die wir nicht immer mit fairen Mitteln bezogen haben, hätte Europa sich kaum einen solchen solchen Reichtum aufbauen können. Wir geben generös einen Teil des verdienten Geldes per Entwicklungshilfe zurück – und machen die armen Länder nicht zuletzt damit weiter abhängig von uns.

Selbst die extreme Lust auf Fleisch in unseren Ländern trägt dazu bei, dass die Wirtschaft in den Entwicklungsländern sich weiter nicht gut entwickelt. Warum? Weil wir das Fleisch, welches wir nicht verzehren, exportieren und auf dem afrikanischen Markt günstig anbieten – günstiger als ein Bauer es dort produzieren kann. Nicht besser sieht es mit den Kleidungsstücken aus, die wir – kaum eine Saison getragen – guten Gewissens in den Kleidercontainer werfen. Wer glaubt denn nicht zunächst, dass er mit seiner Kleiderspende armen Menschen unter die Arme greift? Wer käme denn auf die Idee, dass die Kleidung, die im Container des DRK, der Caritas oder eines anderen Wohlfahrtsverbandes genau das Gegenteil verursacht?

Kleidung ist ja eigentlich auch mein Stichwort. Kleidung, die in beispielsweise in Bangladesh in Fabriken hergestellt wird, in denen es keine Standards gibt, wie wir sie kennen. Kinder und Frauen arbeiten in winzigen Räumen bei extremer Hitze. Maschinen, die bei uns gar nicht in Betrieb genommen dürften, bieten keinen Schutz vor Arbeitsunfällen. Leider erfahren wir viel zu selten, was dort tagtäglich passiert. Nur die großen Unfälle schaffen es auch bei uns in die Medien. Nun gibt es Unternehmen, die sich verpflichtet haben, bessere Standards für ihre Fabriken einzuführen und diese auch zu überwachen. Das Braunschweiger Unternehmen New Yorker mit all seinen Marken gehört nicht dazu. Statt dessen betreibt der geschäftsführende Gesellschafter Friedrich Knapp gerade eine neue Strategie, die ich kurz und knapp „Social Washing“ nenne: nachdem das beliebte Braunschweiger Hallenbad in Gliesmarode dem drei-Bäder-Konzept bzw. dem neuen Bad „Wasserwelten“ zum Opfer gefallen ist, fühlt sich Knapp berufen, dieses Bad für die Braunschweiger Bürger zu erhalten. Auch das Sponsoring der Braunschweiger Basketballspieler fällt dem Bad übrigens zum Opfer.

Für mich ist das Grund genug, dieses Social Washing nicht zu unterstützen! Und deswegen kann ich nicht mehr bei New Yorker und all den dazugehörigen Firmen einkaufen. Einen Mangel erleide ich desegen übrigens nicht. T-Shirts, Jeans und Co gibt es auch in anderen Geschäften und mitunter sogar FAIRTRADE. 🙂

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