Schlimm waren die Missbräuche in vielerlei Hinsicht. Zum einen verschlimmerten sie das Klima zwischen mir und meiner Mutter, das seit ich denken kann, ohnehin angespannt gewesen war. Von nun an gab es aber keinen Weg mehr zu ihr. Auch weil ich mitbekommen hatte, dass sie in meinem Tagebuch gelesen hatte. Sie muss also gewusst haben, was mir passiert war! Aber sie hat nie mit mir darüber gesprochen. Mein Bruder erzählte mir damals davon, dass sie wutentbrannt aus meinem Zimmer gekommen sei und mich Schlampe genannt hätte. Und tatsächlich hatte jemand mein Tagebuch geöffnet gehabt.

Nicht weniger schlimm war, dass ich nicht mehr das Tempo bestimmen konnte, mit dem ich mich an Zärtlichkeiten und Sexualität heranwagen konnte. Statt dessen hatte ich quasi verinnerlicht, dass es eben so ist: Wenn sich ein Mann für mich interessiert, dann gehört das eben dazu… Freunde in meinem Alter habe ich mit meinem Verhalten irritiert. Sie konnten damit nichts anfangen. Aber ich wusste es doch nicht besser. Und nein: Ich war nie eine Schlampe. Ganz im Gegenteil! Ich habe mir nie Glück und Erfolg gegönnt, habe mich immer wieder zurück genommen. Ich fühlte mich einfach immer schuldig. Ich hatte kein Glück verdient, sehnte mich zugleich aber unglaublich stark danach. So passierte es immer wieder – leider bis in die heutige Zeit hinein –, dass ich glückliche Situationen zerstörte, dass ich mich dafür bestrafte, dass ich glücklich gewesen war. Ich habe mir nicht körperlich weh getan, aber meiner Seele, meiner Psyche, immer und immer wieder.

Als meine Eltern sich trennten, war ich 15 Jahre alt. Doch schon vorher war es oft kaum auszuhalten bei uns daheim. Als letztes gemeinsames Eheprojekt hatten meine Eltern ihr Haus gebaut, neue Möbel gekauft und eben unter anderem diesen besagten, für mich so fatalen, Urlaub gemacht. Die Ehe hat sich nicht retten lassen. Mein Vater war quasi permanent abwesend. Immerhin habe ich dadurch telefonieren gelernt. Das Telefon klingelte häufiger, weil mein Vater politisch aktiv war und viele Menschen etwas von ihm wollten. Ich konnte mich damals perfekt am Telefon melden, Wünsche entegegennehmen und meinen Vater entschuldigen. Meist kam er erst mitten in der Nacht nach Hause. Meine Mutter drehte damals häufig am Rad. Eines Tages kam ich nach Hause und sie ging mit mir in mein Zimmer. Dort verlangte sie von mir, dass ich mich entscheiden solle, ob ich zu ihr oder zu meinem Vater wolle. Ich muss sehr rumgestammelt haben. Dann hatte ich mir unseren Hund geschnappt und bin von zu Hause fort gelaufen. Viel Glück hatte ich, dass ich damals eine tolle Klassenlehrerin hatte. Sie nahm sich meiner an. Ich durfte bei ihr und ihrem Mann übernachten. Und sie übernahm das erste Gespräch am nächsten Tag. Doch gut wurde es für lange, lange Zeit nicht mehr.

Vorher gab es „nur“ extreme Streitigkeiten. Da ist schon mal Geschirr durch die Wohnung geflogen. Doch danach begann eine ganze Serie an Selbstmordversuchen, die meine Mutter unternahm. Als ich sie das erste Mal fand, war es nur ein Zufall. So habe ich es jedenfalls bis heute in Erinnerung. Meine Geschwister waren schon nicht mehr im Haus. Ich war zum Skilaufen verabredet. Der Mann meiner Klassenlehrerin sollte mich an diesem Tag abholen. Deswegen ging ich später aus dem Haus. Im Flur stolperte ich über die Handtasche meiner Mutter. Die hätte dort nicht stehen dürfen, schließlich war ein ganz normaler Arbeitstag gewesen. Ich dachte damals, sie hätte verschlafen und ging unbedarft ins Schlafzimmer, um meine Mutter zu wecken. Doch als ich das Schlafzimmer betrat, lagen neben dem Bett eine Menge leerer Tablettenschachteln und meine Mutter war nicht ansprechbar. Ich lief zum Telefon und wählte den Notruf. Ich habe auch versucht, meinen Vater zu erreichen. Schließlich kam ein Krankenwagen, und meine Mutter wurde ins Krankenhaus gebracht. Irgendwann fand sich auch mein Vater ein, um sich zu kümmern. Er wohnte zu dieser Zeit nicht mehr bei uns. Nachdem ihr der Magen ausgepumpt worden war, kam meine Mutter für kurze drei Wochen in ein psychiatrisches Krankenhaus in Königslutter. Bei uns Jugendlichen verband jeder mit dem Namen Königslutter nur Klappsmühle. Was sich wirklich dahinter verbarg, wussten wir alle eher nicht. Nun: meine Mutter befand sich also dort. Und ich übernahm für diese kurze Zeit neben der Schule mehr oder weniger den Haushalt. Mein Vater hätte sogar Wasser anbrennen lassen, kochen konnte er überhaupt nicht.

Leider hatten die drei Wochen Königslutter bei meiner Mutter keinen nachhaltigen Erfolg. Als sie wieder Zuhause war, fing zwar zunächst eine gewisse Routine wieder an, doch ich traute dem Frieden nicht. Und wie sich alsbald herausstellte, lag ich genau richtig. Dieses Mal fand ich Tablettenschachteln im Badezimmer und meine Mutter war noch bei Bewusstsein. Dennoch rief ich den Krankenwagen – ich wusste ja, wie das alles funktioniert, dachte ich. Die Sanitäter kamen, meine Mutter wollte nicht mit. Und nun erlebte ich den nächsten Schritt. Die Sanitäter wollten fahren und ich war total verzweifelt. Ich meine, dass damals mein Bruder zu Hause gewesen war und ich wollte damals ihn als Unterstützung holen. Doch er antwortete mir im Halbschlaf: „Wenn die Alte sich umbringen will, dann lass sie doch.“ So erinnere ich diese Situation jedenfalls. Ich rannte wieder zu den Sanitätern, die mir schließlich sagten, dass ich die Polizei rufen könne und sie solange warten würden. Also rief ich noch die Polizei dazu.

Ich habe von da an viele Nächte vor der Schlafzimmertür meiner Mutter gewacht. Hatte mir eine Kanne Tee gekocht, um nicht einzuschlafen. Dennoch war sie das eine oder andere Mal an mir vorbei gehuscht. Einmal musste ich sie aus der Garage ziehen, wo sie in ihrem Golf mit laufendem Motor gesessen hat, ein anderes Mal wollte sie sich von der Autobahnbrücke stürzen und ich hinderte sie am Ende doch noch daran. Es waren sehr, sehr harte Zeiten für mich damals. Klar ging ich auch weiter zur Schule. Ich kam dann ja sogar in die Oberstufe. Nur meine familiäre Situation war unerträglich geworden. Schule war geradezu Erholung, wengleich ich in dieser Zeit immer auch Angst hatte, meine Mutter könnte sich in dieser Zeit etwas antun.

Meinen Bruder hatte ich zu dieser Zeit abgehakt. Wir hatten eh nie ein wirklich tolles Verhältnis gehabt. Ich hatte ihn gemocht und fand ihn toll, er aber fand mich wohl immer schon eher lästig. Eine kleine Schwester, auf die er aufpassen musste, aber kein Spielkamerad. Unsere kleine Schwester, fünf Jahre jünger als ich, sieben als mein Bruder, fand er schon wieder niedlich. Zu ihr hatte er einen besseren Draht gehabt – und sie zu ihm. In dieser Zeit war ich aber auch viel für meine kleine Schwester da. Ich versuchte, sie von allem fernzuhalten. Obwohl ihr Zimmer doch direkt an das meiner Mutter angrenzte. Wenn es nachts gewitterte, holte ich sie in mein Bett, sie konnte dann immer nicht schlafen. Aber meine Mutter war damals kein guter Zufluchtsort.

Erholung kam, als meine Mutter für ein Dreivierteljahr in eine Klinik kam. Mein Vater zog für diese Zeit wieder bei uns ein. Kochen konnte er immer noch nicht. Aber es war ein Erwachsener da, der sich ein wenig um dies und das kümmerte. Am Haushalt versuchte er sich, scheiterte aber oft schon am Waschen, also am Wäsche sortieren. Dennoch war diese Zeit für mich eine gute. Wir besuchten meine Mutter regelmäßig und es ging ihr dann auch irgendwann spürbar besser.

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