Wie Ihr in meinem letzten Beitrag über Pegida gelesen habt, fühle ich mich in der Frage deutlich betroffen, denn ein Familienmitglied, welches sicher kein Nazi ist, hat bei Facebook Pegida geliked. Ich fühle mich über diesen Umstand empört, habe ihn allerdings genutzt, um mich mehr über Pegida und alle anderen Xgidas (X=Platzhalter für „Bra“, „L“ oder was auch immer) zu informieren. Wer ist das, was wollen sie?

Schnell habe ich das Positionspapier und alle möglichen Kommentare dazu gegoogelt. Doch was fange ich mit einer sehr dürftigen Information an? Das Positionspapier umfasst 19 Leitsätze, die viele Menschen sicher schnell (vorschnell) unterschreiben würden. Sie sind sehr allgemein und schwammig gehalten.

Beispiel gefällig?

„2. PEGIDA ist FÜR die Aufnahme des Rechtes auf und die Pflicht zur Integration ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (bis jetzt ist da nur ein Recht auf Asyl verankert)!“ Hier wollen die Verfasser des Papiers also festhalten, dass Ausländer sich per Grundgesetz zu integrieren haben. Was aber genau Integration bedeutet, bleiben uns die Verfasser schuldig.

Oder:

„7. PEGIDA ist FÜR die Aufstockung der Mittel für die Polizei und GEGEN den Stellenabbau bei selbiger!“
Doch wofür sollen die Beamten eingesetzt werden? Menschen, die schon einmal Opfer einer kriminellen Tat geworden sind, unterschreiben das bestimmt gerne.
Noch was gefällig?
„16. PEGIDA ist GEGEN das Zulassen von Parallelgesellschaften/Parallelgerichte in unserer Mitte, wie Sharia-Gerichte, Sharia-Polizei, Friedensrichter usw.“
Haben die Verfasser einmal ein Blick in das weiter oben zitierte Grundgesetz geworfen? Steht unsere Gerichtsbarkeit in dieser Richtung überhaupt in Frage? Nein, natürlich nicht. Das einzige, was wir derzeit in unserer Gerichtsbarkeit befürchten müssen, spielt sich von westlicher Seite ab: Stichwort TTIP.
Was mich vor allem sehr stutzig macht, ist der Umstand, dass die Pegida-Bewegung sehr intransparent ist. Die Sprecher weigern sich mit der Presse zu sprechen und ihre Forderungen zu konkretisieren oder definieren. Es werden in den 19 so genannten Positionen Dinge durcheinander gewürfelt, die miteinander eigentlich so gar nichts miteinander zu tun haben. Oder was hat Gender-Mainstreaming mit Islamisierung zu tun? Und wozu benötigen wir im Zusammenhang mit einer vermeintlichen Islamisierung Volksentscheide?
Was mich nun allerdings wirklich gegen Pegida aufbringt: Die fehlende Distanzierung von Rechtsextremisten, der fehlende Diskurs mit den Medien, die rundweg mit dem Begriff „Lügenpresse“, der gerade zum Unwort des Jahres gewählt wurde, sind für mich die Hauptgründe. Genauso wie der Name „Patriotische Europäer gegen eine Islamisierung des Abendlandes“. Patriotische Europäer? Das ist per se schon widersinnig, denn Europa ist kein Land sondern ein Kontinent. Islamisierung? Wo findet denn eine Islamisierung statt? Allein durch Zuwanderung muslimischer Menschen? Wir haben in Deutschland aus gutem Grund die Religionsfreiheit! Ergo dürfen die Menschen muslimischen Glaubens auch ihren Glauben in Deutschland ausüben. Wir haben auch eine Trennung zwischen Staat und Kirche, die mir übrigens viel zu wenig ausgeprägt ist, denn mit der christlichen Kirche und unserem Staat gibt es noch enorme Verquickungen, vor allem, wenn es um Geld und Vermögen geht. Tja, und nun noch der Begriff Abendland. Hier handelt es sich um einen antiquierten Begriff mit einer antiquierten Weltsicht. (Die Menschen glaubten einmal, dass der westliche Teil Europas am dichtesten an der untergehenden Sonne läge.) Heute sprechen wir vor allem in Märchen und historischen Geschichten vom Morgen- und vom Abendland.
Okay, gehen wir einmal davon aus, dass die Menschen, die PEgeIdA (so müsste es ja eigentlich geschrieben werden) geschaffen haben, nach einem Begriff suchten, der sich abgekürzt gut sprechen lässt. Dann hätte es aber auch PageID heißen können – für Patrioten gegen eine Islamisierung Deutschlands. Heißt es aber nicht, okay, sieht auch aus wie der englische Begriff Page plus der Abkürzung ID… Spaß beiseite! Auch die extreme Durchorganisiertheit schon der ersten Demonstrationen lässt auf Vieles schließen, nicht aber auf Transparenz. Das Organisieren von Demonstrationen ist schon eine anstrengende und aufwändige Sache. Davon wissen Gewerkschafts- und Partei-Vertreter, die Friedensbewegung, die Anti-Atomkraft-Bewergung, Tierschutzorganisatoren etc. ein Lied zu singen. Wenn man aber noch nicht einmal eine Gruppe an Menschen zusammen hat, die die gleichen Interessen verfolgen, wie mobilisiert man dann Menschen, wenn man zugleich auch noch die Presse außen vorlässt?
 Alleine die offenen Fragen zeigen mir, dass Menschen, die dieser Bewegung Sympathie aussprechen, sich wenig bis gar nicht mit dem Hintergrund auseinander setzen, wenig nachdenken und Dinge nicht zu Ende denken. Viele dieser Menschen kennen mit Sicherheit noch nicht einmal das Positionspapier, würden aber wiederum aus diesem Papier ohne weitere Erläuterungen auch nicht alle Punkte gleichermaßen entschlossen unterschreiben wollen!
Und einmal am Rande bemerkt: Was die Errungenschaften unser „jüdisch-christlich geprägten Gesellschaft“ anbetrifft, so waren wir in Deutschland und im benachbarten Ausland keineswegs schon immer dem christlichen oder jüdischen Glauben zugetan. Die Menschen, die auf diesem Flecken Erde einmal lebten, sind zum Teil mit brachialer Waffengewalt zum christlichen Glauben gezwungen worden. Und bis heute halten sich heidnische Bräuche auch in unserer Kultur: Ostereier beispielsweise oder auch die gerade vor die Tür gestellten Weihnachtsbäume.
Noch eine kleine Randbemerkung: Heute feiern auch etliche Muslime mit deutschen Freunden, Bekannten, Familienteilen gemeinsam das Weihnachtsfest. Auch darin kann ich keine Islamisierung erkennen!

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