Ich bin in letzter Zeit manchmal völlig von den Socken. Ein Thema kommt auf und schwupps wird geschrien, gejammert, lamentiert und der Rücktritt von Angela Merkel gefordert. Ohne Sinn und Verstand in meinen Augen. Warum ohne Sinn und Verstand? Schauen wir doch einmal näher hin.

Viele Jahre lang haben wir in Deutschland mit der großen Koalition gelebt. Erst unter Bundeskanzler Schröder, dann beim Stimmungswechsel mit Angela Merkel. Gleichwohl hat die große Mehrheit in unserem Land CDU/CSU oder SPD gewählt. Sogar bei den letzten Wahlen, nach welchen wir immer noch auf die Regierungsbildung warten. Die große Mehrheit im Land hat also gewählt, dass sich nichts oder kaum etwas ändern soll in diesem Land.

Dazu gehört der Umweltschutz genauso wie die Rentenfrage, Arbeitslosengeld oder Kriegsflüchtlinge bzw. Asylpolitik. Die Mehrheit der Menschen wollte, dass nahezu alles weiter so geht wie bisher. Somit hat die Mehrheit auch gewählt, dass die Autolobby so großen Einfluss auf die Gesetzgebung behält. Dass die Umweltschützer und die Mahner nicht so starkes Gehör finden sollen. Dass sich an der Steuerpolitik nichts wirklich ändert, dass die Hartz-4-Sätze vielleicht angehoben, das Gesetz aber nicht verändert wird. Dass gesetzlich Krankenversicherte weiter länger auf Facharzttermine warten müssen als privat Versicherte… Ich könnte diese Punkte noch sehr viel stärker ausführen.

Blicken wir einmal auf die Luftreinheit. Ja, die Luft ist in den vergangenen vier oder fünf Jahren wieder etwas sauber geworden. Das ändert aber nichts daran, dass immer noch in ca. 70 Städten in unserem Land die Luft zeitweise so schlecht ist, dass sie für die Anwohner gefährlich ist! Dass die Menschen, die in diesen Gegenden wohnen, auch unter dem Lärm leiden und krank werden, will ich an diese Stelle einmal vernachlässigen. Fakt ist also, dass es immer wieder Gegenden gibt, an denen die Grenzwerte an einigen bis vielen Tagen im Jahr überschritten werden. Dass dieses gegen geltendes Recht verstößt und die Bürger geschützt werden müssen, muss ich an dieser Stelle wohl besonders betonen. Die Anwohner wurden Jahrzehnte lang im Regen stehen gelassen! Der Staat hat schlichtweg auf deren Gesundheit gepfiffen, um den Autofahrern keine Unbequemlichkeiten aufzubrummen und die Automobilbauer – zugegeben einer der derzeit wichtigsten Wirtschaftsunternehmen in Deutschland – nicht zu beschränken.

Jetzt stehen Sanktionen von der EU vor der Tür. Die Regierung hat bis zum heutigen Tag nichts getan. Dass die Umwelthilfe eine Klage angestrengt hat, ist auch nicht erst seit verganger Woche bekannt. Vielleicht hat die Regierung geglaubt, noch einmal mit einem blauen Auge davon zu kommen, vielleicht hat sie gedacht, dass es so schlimm nicht kommen könnte.? Wer weiß das schon genau. Tatsache jedoch ist, dass das Bundesverwaltungsgericht entschieden hat, dass Städte und Kommunen Fahrverbote für bestimmte Straßen bzw. Gegenden an bestimmten Tagen verhängen müssen und dürfen, um die Anwohner zu schützen.

Und was passiert jetzt? Die Diskussion um den Diesel ist nun ja auch nicht so neu. Er bekam Auftrieb, wegen der steigenden CO2-Werte, die den Klimawandel beschleunigen – und damit wir die CO2-Werte einhalten. Dass der Diesel dafür NOX ausstößt, wurde beiseite geschoben, ignoriert und nur langsam die EU-Normen angepasst. Schlimm genug, doch der eine oder andere Autobauer hat sich die Euro6-Norm sogar erschwindelt.

Hinzu kommt ein steigender Absatz der SUV, mancher mutet schon wie ein Panzer mit Autokarosserie an. Würden diese Schwergewichte mit Benzin betrieben, wäre der Verbrauch für deren Besitzer wohl kaum zu stemmen. Also verfügen solche Fahrzeuge in aller Regel über Dieselmotoren. Mit riesigen Motoren ausgestattet – sportlich sollen sie ja auch noch fahren – verbrauchen sie zwar auch mehr als 4 oder 5 Liter auf 100 km. Aber auf das Gewicht gerechnet, sind diese Autos natürlich echte Sparwunder. Nur: mehr als vier oder fünf Menschen fahren auch nicht in diesen Fahrzeugen, also nicht mehr als in einem Fahrzeug der Kompakt- oder Mittelklasse. Meist sitzen sogar nur ein oder zwei Personen in den Autos. Für den absoluten Verbrauch und den absoluten Ausstoß von Schadstoffen aller Art – und wir messen ja gerade mal NOX, Feinstaub oder CO2, alles andere vernachlässigen wir völlig – tut das nicht zur Sache.

Was ist also in den vergangenen Jahren passiert, in welchen es den Deutschen – misst man den Jammer- und Aufschreipegel – scheinbar immer schlechter geht? Die SUV-Dichte ist enorm angestiegen. Die Versiegelung unserer Landschaften durch Neubaugebiete mit Ein- oder Zweifamilienhäusern in den Speckgürteln der Städte ist ebenfalls enorm angestiegen. Und mit dieser auch der Pendelverkehr. Natürlich hat auch die Agentur für Arbeit – und somit der Gesetzgeber also die Regierung – seinen Teil dazu beigetragen: Arbeitslose müssen auch weiter entfernte Jobs annehmen. Doch das nur am Rande.

Das, was ich wiederum sehr wohlwollend zur Kenntnis nehme: die Anzahl der Fahradfahrer steigt auch seit Jahren. Mit jedem öffentlichen Fahradständer in der Stadt, jeder verbesserten Wegeverbindung, fahren mehr Menschen kürzere bis mittlere Strecken mit dem Rad. Es gibt auch immer mehr Elektrofahrzeuge: vom Pedelec über den E-Roller bis hin zum Elektroauto. All diese Menschen tragen zur reineren Luft und zu weniger Lärm in den Städten bei.

Was aber fehlt: Visionen, Umdenken und ganzheitliche Lösungen. Beispielsweise ein echtes Mobilitätskonzept. Allein auf die Privatinitiative zu setzen, steuert und lenkt nichts. Die Regierung aber hat entweder keine guten Ideen oder sie hat Angst, diese zu umzusetzen. Dass es nicht der Weg sein kann, alle heutigen Verbrennungsfahrzeuge gegen Elektroautos zu tauschen, sollte auf der Hand liegen. Viele Innenstädte erleben heute schon täglich den Verkehrsinfarkt. Außerdem wird es schwer möglich sein, in absehbarer Zeit eine ausreichende Infrastruktur dafür zu schaffen. Wo sollen Menschen in dicht besiedelten Städten ohne eigene Parkplätze ihre Autos aufladen?

Dass es außerdem Ressourcenverschwendung ist, liegt auch auf der Hand. Ohnehin benötigt man selten 24 Stunden lang ein Fahrzeug. In der Regel steht es länger als dass es fährt. Müssen wir deswegen immer neue Straßen und Parkplätze bauen, damit die Autos überall herumstehen können?

Was mich jetzt aber völlig erstaunt, ist das riesige Geschrei und die unbändige Wut, die auch bei diesem Thema aus den Menschen herausschreit. Plötzlich haben alle Angst, weil alle so wohnen, dass es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, sie einen Diesel fahren müssen, leider ein älteres Modell, weil sie ja so wenig Geld haben. Und dann arbeiten alle auch in den zukünftigen Fahrverbotszonen. Katastrophe! Das Auto ist plötzlich „enteignet“, man kann in Zukunft nicht mehr zur Arbeit gelangen und die „bösen“ Städter sollen doch verrecken…

Bevor es eskaliert, wünsche ich mir, dass die Menschen endlich mal wieder nachdenken und abwägen. Wann wird der Einzelne denn wie betroffen sein? Wie oft wird das sein? Und fährt man wirklich einen Diesel, der die Euro-6-Norm nicht einhält oder einen Benziner der die Euro 3 nicht hat? Gibt es wirklich keine öffentlichen Verkehrsmittel, mit denen man zur Arbeit kommen kann? Ich wohne in Braunschweig. Klassisch wird hier unglaublich viel nach Wolfsburg zu VW gependelt. Die Menschen stehen heute morgens und abends auf der Autobahn oder auf den Umgehungsstrecken im Stau. Es gibt allerdings auch Bus- und Zugverbindungen. Mit dem Zug dauert es keine 20 Minuten in die Nachbarstadt. Das Monatsticket ist garantiert günstiger als allein der Spritverbrauch. Und die meisten Menschen sitzen auf dem Weg zur Arbeit alleine im Auto… Ich denke mir jetzt meinen Teil!

Und so viel anders sieht es auch in vielen anderen Gegenden Deutschland nicht aus! Dass die öffentlichen Verkehrsmittel bessere Taktzeiten benötigen und auch ausgebaut werden können, steht außer Frage. Ich denke auch, dass es gut wäre, das Mitnehmen von Fahrrädern zu erleichtern.

Übrigens ist man auf Strecken bis zu 10 Kilometern mit dem Fahrrad, rechnet man von Tür zu Tür, meist nicht langsamer als mit dem Auto, rechnet man den Weg zum Auto, die Parkplatzsuche und den Weg vom Parkplatz zur Tür hinzu.

 

Ein Kommentar zu „Woher kommt eigentlich diese Wut?

  1. Moin.
    „Warum ohne Sinn und Verstand?“ Vielleicht weil das Aktuelle, das Populäre reflexartig die Reaktionen hervorruft und sich heute jeder, der will, in den sog. „sozialen Medien“ äußern kann. Auch unter dem Deckmantel der Anonymität.
    Würde doch jeder auf den großen „Philosophen“ Urban Priol hören, der unlängst forderte: „Sapere aude!“ – im Sinne der Interpretation Immanuel Kants: „Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
    Na denn, Grüße von der Ostsee in die alte Heimat

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